Das Kinomichi von Sensei Masamichi Noro
Von Georges Charles.
Erschienen in der Zeitschrift TAO YIN.
Gesundheit, Lebenskunst und Traditionen Asiens.
Juni–Juli 1997, Frankreich.
Spanische Übersetzung: Nora Alvarado Colle
Ich stehe vor einem großen Tor und will gerade klingeln. Der Boulevard ist laut, das Viertel einfach, irgendwo zwischen der Gare de l’Est und dem Château d’Eau.
Da kommen zwei junge Männer. Einer sagt freundlich: „Sie brauchen nicht zu klingeln, die Tür ist offen.“ Lächelnd verschwinden beide in einem langen, von Pflanzen überwachsenen Gang und betreten ein altes bürgerliches Haus, eingeklemmt zwischen Neubauten. Der Jüngere hält mir die Tür auf, der andere geht seinen Vater begrüßen. Ich erkenne Meister Noro. Er sagt den beiden ein paar Worte, kommt dann lächelnd auf mich zu und reicht mir die Hand.
„Herr Charles, ich habe Sie erwartet. Wie geht es unserem Freund, Herrn Balta?“ Diesen Satz, zwischen uns fast ein Ritual, hatte ich zuletzt vor fünfzehn Jahren gehört, bei der Einweihung seines dritten Dojo.1 Seitdem hatten wir uns nicht mehr gesehen.
Vor über dreißig Jahren hatte Dominique Balta ihn mir vorgestellt, in seinem ersten Dojo in der Rue Constance. Meister Noro hat ein bemerkenswertes Gedächtnis. Verändert hat er sich kaum. Er trägt westliche Kleidung, sehr klassisch. Nur ein pastellfarbener Schal, kunstvoll nachlässig geschlungen, sitzt dort, wo die Krawatte wäre, und gibt ihm etwas fast beiläufig Lässiges.
Er bittet mich in sein Büro und bietet mir Tee an. Er sitzt schon. Was mich an Meister Noro immer beeindruckt hat, ist, wie bei ihm die Zwischenzeit verschwindet. Er setzt sich nicht, er sitzt. Er steht nicht auf, er steht. Er geht nicht hin, er ist da.
Seine Hände liegen ausgestreckt und ruhig da, was ungewöhnlich ist. Er sieht mich an. Ein Blick. Ein Moment ohne Regung, ganz gelassen. Kurz bevor es unangenehm wird, heben sich seine Hände, öffnen sich in einer Geste, die zugleich einlädt und sich fügt und deren Geheimnis nur er kennt. Sein Lächeln entwaffnet mich. „Es ist schwer, die Bewegung des Lebens zu schreiben und zu beschreiben, nicht wahr?“ Der Satz klingt harmlos und meint mich: Geht es ums Schreiben oder ums Beschreiben?
Seine Frage ist keine, denn sie lässt keine Antwort zu. Sie meint beides. Sie ist eine Feststellung, die durch die Verneinung am Ende nie aufhört. Sie ist eine Spirale.
Fast hätte ich Noros Art zu sprechen vergessen. Trotz seines berühmten japanischen Akzents, seit dreißig Jahren derselbe, und seiner eigenwilligen, ebenfalls japanischen Satzstellung beherrscht er das Französische sicher.
1Dojo (japanisches Wort für den Ort, an dem der Weg geübt wird)
Das Lächeln des Tigers
Wie Meister Noro unterrichtet, ist einzigartig. Zuerst ist man überrascht, dann gewöhnt man sich daran. Rasch wird daraus eine Art Esperanto, das die Übung umhüllt, ergänzt und klärt. Das Wort geht der Bewegung voraus, begleitet sie oder folgt ihr, ganz selbstverständlich. Er macht Wortspiele, spielt mit Wörtern, Klängen und Rhythmus, zerlegt sie und baut sie neu zusammen. Das Wort bringt die Bewegung hervor, die Bewegung trägt das Wort.
So entstehen im Unterricht Bilder im Kopf und im Körper, von einer seltsamen Eindringlichkeit. Er ist gleichzeitig Produzent, Regisseur, Schauspieler, Zuschauer, Sender und Empfänger. Und er hat die seltene Gabe, ernste Dinge fast nebenbei zu sagen, mit einem sehr feinen Humor.
Nichts und niemand entgeht ihm. Wendet er sich scheinbar an alle, gilt die Bemerkung oft einer einzigen Person. Gibt er dagegen jemandem einen Rat, betrifft er meist die ganze Gruppe. Seine Bewegung ist so genau wie sein Wort. Niemand kann einen Fehler so vorführen wie er, ihn vergrößern, maßlos und komisch nachahmen oder das eine treffende Wort finden, das sitzt. Und immer wahrt er die japanische Höflichkeit. Immer mit dem Lächeln des Tigers.
S. Noro: „Als ich mit dem Aikido nach Frankreich kam, war ich sehr, sehr stark. Ein Eroberer. Und sehr unglücklich. Heute bin ich mit meiner Frau, meinen sechs Kindern und dem Kinomichi sehr glücklich. Früher waren die Übenden für mich Schüler. Heute sind sie Gefährten, die denselben Weg gehen wie ich und das Kinomichi mit mir aufbauen. Wir schauen in dieselbe Richtung. Also ist auch mein Bild vom Meister ein anderes geworden. Früher hat der Meister mit den Schülern experimentiert, sogar an ihnen. Heute teile ich lieber, gebe und empfange. Wer wenig gibt, empfängt nichts. Kinomichi ist einerseits eine Kultur, die man pflegen und entwickeln muss, andererseits eine Nahrung, die man teilt.
G. Ch.: „Viele meinen, zwischen Aikido und Kinomichi gebe es ein Problem.“
M. Noro: „Da gibt es überhaupt kein Problem. Als ich vor zwei Jahren in Japan war, setzte sich Waka Sensei Kishomaru Ueshiba, der Sohn von O Sensei, dem Begründer des Aikido, neben mich und sagte: ‚Noro Sensei, dein Weg ist richtig.‘“ „So hat mich das Welt-Aikido-Zentrum offiziell als Begründer des Kinomichi anerkannt.“ „Kinomichi ist nicht Aikido. Aber O Sensei Morihei Ueshiba ist immer in meinem Herzen. Immer. Wie könnte es anders sein?“
Es folgen Fragen über Meister Ueshiba, über die Anfänge des Aikido, über die Schwierigkeiten, denen Meister Noro begegnet ist, über das Kinomichi, sein Üben und sein Lehren, über die Zukunft. Madame Noro schaut kurz herein und erinnert ihren Mann daran, dass es fast siebzehn Uhr ist. Zwei Stunden sind vergangen. Ich verabschiede mich und danke ihm. Während ich meine Schuhe anziehe und zum Empfang gehe, steht er schon da, in traditioneller japanischer Kleidung, mit seinem weißen Hakama.
Er geht vorbei, ein leises, seidiges Gleiten der Füße auf dem Tatami. Die Wände des Dojo sind hell, der Raum ist leer. Nur eine Kalligrafie und ein Blumengesteck. Die Übenden, einige im Hakama, sind schon bei der Arbeit. Andere warten kniend in Seiza. Es ist still und aufmerksam. Wie ich da stehe, mit Schuhen und Aktentasche, komme ich mir sehr westlich vor. Ich verabschiede mich schnell und verschwinde. Draußen steht der Verkehr auf dem Boulevard de Strasbourg, lauter als je zuvor.
Kinomichi, eine „Anti-Kampfkunst“
Masamichi Noro wird am 21. Januar 1935 in Aomori im Norden Japans geboren, in eine wohlhabende Familie. Der Vater ist Geschäftsmann, die Mutter stammt aus dem adligen Clan Nozawa, dessen Wappen er bewahrt. Aus ihm wird später das Zeichen des Kinomichi. Als Kind erkrankt er und bleibt geschwächt. Er ist klug, neugierig auf alles und willensstark, und er überwindet das mit Schwimmen und beharrlichem Judo, in dem er sich dank seiner Begabung und eines ungewöhnlichen Kampfgeistes hervortut. Mit vierzehn schicken ihn die Eltern zum Studium nach Tokio. Am Gymnasium übt er weiter Judo. Dann beginnt er zu studieren, ohne seine Berufung zu finden: Wirtschaft, Medizin, Philosophie, Architektur, Musik, Politikwissenschaft. Alles reizt ihn und enttäuscht ihn wieder. Der begabte Student wird zum Sorgenkind seiner Lehrer, die ihn nicht zu begeistern vermögen.
Meister und Schüler
Im April 1955, noch immer auf der Suche nach diesem flüchtigen Ideal, begegnet er Meister Morihei Ueshiba, dem Begründer des Aikido. Sofort ist er gefangen, von der Person wie von der Technik, die ihm unfehlbar erscheint. Im Aikido findet der ungestüme Masamichi Noro endlich den Ort für seine Begabung und für all seine Energie, ohne sich bremsen zu müssen.
Meister Ueshiba erkennt das schnell und nimmt ihn als internen Schüler auf, als Uchi Deshi. Das hieß damals: neben dem vollen Unterricht auch all das übernehmen, was zum Alltag eines traditionellen Dojo gehört. Also die Räume des Meisters versorgen, den Haushalt führen und oft genug auch die Landwirtschaft.
Man musste dafür sorgen, dass alles seine Ordnung hatte und lief, und das will in Japan etwas heißen. Vor allem musste das Wasser für das O Furo erhitzt werden, das traditionelle Bad, das als rituelle Reinigung gilt. Dazu die Bonsai und der Garten. Und vor allem: jederzeit da und verfügbar sein.
Für seine Zeitgenossen war Meister Ueshiba ein sonderbarer Mann. Er lebte fast wie ein Samurai früherer Zeiten. Er hatte verschiedene Künste des Budo studiert und darin die höchsten Grade erhalten. Er war Experte im Schwert, im Speer, im Kampfschwert, im Bajonett, im langen Stock, im Jo und im eisernen Fächer. Er galt als Meister mehrerer Schulen des Jujutsu und des Aiki Jutsu. Er war direkter Schüler des berühmten Takeda Sokaku vom Daito-ryu gewesen, einer schillernden, recht verwegenen Gestalt, um die viele Legenden kreisten.
Meister Ueshiba war zudem ein großer Mystiker und Anhänger der Omoto Kyo, einer Religion nahe dem Shintoismus und dem Taoismus, gegründet von Meister Deguchi. Ueshiba hatte ihn in die Mandschurei begleitet, um dem Kaiser von China seinen Thron zurückzugeben. Die Reise endete katastrophal, beide wurden an Händen und Füßen gefesselt. Immerhin lernte Ueshiba dabei andere bekannte chinesische Meister der inneren Künste kennen und übte mit ihnen. Bei seiner Leidenschaft für das Budo wäre es undenkbar gewesen, diese Gelegenheit nicht zu nutzen und aus solchen Begegnungen nicht das Beste mitzunehmen.
Über sechs Jahre lang studierte Masamichi Noro das Aikido bei Meister Ueshiba und wich ihm nicht von der Seite, im Dojo in Tokio wie auf dessen Grundstück in Iwama. Dessen technische Lehre und dessen mystische Praxis der Einheit mit Natur und Universum haben ihn für immer geprägt.
Masamichi Noro in Frankreich
Anfang der 60er Jahre gilt Masamichi Noro, gerade im 6. Dan, praktisch als geistiger Sohn von O Sensei Morihei Ueshiba. Sein größter Fehler bleibt wohl sein Ungestüm und eine überschäumende Energie, die er in allerlei Exzessen ablädt. Immer ist er bereit zu beweisen, dass Aikido jeder anderen Methode überlegen ist. Selbst mit Mitschülern, die ihm zu lau sind, gerät er aneinander. Und die Enge der japanischen Gesellschaft erträgt er nur schwer.
Eines Tages beschließt Meister Ueshiba, ihn nach Europa zu schicken, vor allem nach Frankreich, damit er dort seine Gaben entfaltet. Er ernennt ihn zum Delegierten für Europa und Afrika des Welt-Aikido-Zentrums (Aiki Kai). Am 3. September 1961 geht er in Marseille an Land. Offenbar hatte man im Aiki Kai vergessen, ihm zu sagen, wie es um das Aikido in Frankreich stand. Es war weit von dem entfernt, was er erwartet hatte.
Es gab, milde gesagt, „verschiedene Strömungen“. Sein Vorgänger Tadashi Abe, ein beeindruckender Techniker und ein Kämpfer ohnegleichen, war ein miserabler Stratege und hatte sich starke Feindschaften zugezogen. Sein Grundsatz „Wirksamkeit vor allem“ hatte viele Lehrende entmutigt, die eher Harmonie suchten als Schläge und blaue Flecken.
Großen Einfluss hatte auch der berühmte Minoru Mochizuki gehabt, ein Judoka hohen Grades aus dem Kodokan, der vor dem Krieg ebenfalls bei Meister Ueshiba studiert hatte und ein sehr kämpferisches, fast eckiges Aikido übte. Als Experte für Karate-do, Iaido und viele weitere Disziplinen wie kurzen Stock, Bajonett und Dolch (Tanto Jutsu) hatte er in Japan wie in Frankreich erstklassige Leute ausgebildet, etwa den berühmten Jim Alcheik, dessen Kurse bei der Polizei sehr geschätzt waren.
Und schließlich war da André Nocquet, ein früherer Ringer und angesehener französischer Judoka, der ebenfalls bei Meister Ueshiba Aikido gelernt hatte und deshalb überzeugt war, nicht ganz zu Unrecht, dass ihm die Vertretung des Aikido in Frankreich zustand.
Der junge Noro war als neuer offizieller Delegierter also nicht eben willkommen, 6. Dan hin oder her. Ihn hielt das nicht auf. Er gab immer mehr Workshops und Vorführungen, in ganz Frankreich, in Deutschland, Belgien, Italien und selbst in Afrika. In fünfeinhalb Jahren gründete er über 200 Dojos in zwölf Ländern.
1963 kommt Mutsuro Nakazono dazu, 1964 Nobuyoshi Tamura, beide vom Aiki Kai geschickt, um das Aikido in Europa aufzubauen. Es folgen Arimoto Murashige, Experte in Aikido und Iaido, der gefürchtete Meister Tada, der Italien übernimmt, und der junge Meister Katsuaki Asai, den er bis heute wie einen Bruder betrachtet und der sich in Deutschland niederlässt.
Wie immer gibt Masamichi Noro alles und hält nicht inne. Er reist ununterbrochen und unterrichtet, bis er am 4. Mai 1966 um vier Uhr morgens auf dem Rückweg von einem Workshop in San Remo einen schweren Autounfall hat. Er überlebt knapp, bleibt aber versehrt, mit einem gelähmten Arm, und muss all seine Ämter aufgeben.
Die Entstehung des Kinomichi
Kaum erholt, lässt er sich ganz in Paris nieder. Im Februar 1967 gründet er das Dojo in der Rue Constance und unterrichtet weiter Aikido. Wegen der Folgen des Unfalls passt er es aber seinen Möglichkeiten an, und sein Stil war ohnehin sehr eigen. Wer ihn kannte, sah von da an einen Bruch: hier die außergewöhnlichen kämpferischen Fähigkeiten, die er nur mit großer Mühe halten kann, dort der Wunsch, etwas anderes zu finden und auszuprobieren.
Er ist misstrauisch, doch seine Verletzung zwingt ihn, sich körperlich behandeln zu lassen. So entdeckt er westliche Körper- und Therapiemethoden: die Methode von Elsa Gindler, die Eutonie von Gerda Alexander und die Methode Mézières. Zu Letzterer bringen ihn Marie Thérèse Foix und Gisèle de Noiret, die bei ihm Aikido üben. Nach und nach führen sie ihn in diese Zugänge zu Körper und Energie ein, die so anders sind als alles, was er kennt. Er bleibt seinen japanischen Wurzeln treu und merkt doch, dass auch der Westen etwas zu bieten hat, wenn es um Körper und Bewegung geht. Von da ist es nicht weit zu den westlichen Traditionen und ihrer Symbolik.
Natürlich unterrichtet er weiter Aikido und wirbt mit außergewöhnlichen öffentlichen Vorführungen dafür, die als Ereignisse gelten.
Doch es meldet sich wieder jener Drang zu suchen und über den Tellerrand zu schauen, der ihm schon im Studium so viel Ärger gemacht hatte. Nach Begegnungen mit Leuten wie Taisen Deshimaru, Itsuo Tsuda oder Karlfried Graf Dürckheim, der ein enger Freund werden sollte, entsteht ein neuer Blick auf die Arbeit mit dem Körper. Und er entdeckt in sich neue philosophische und ästhetische Beweggründe, die auf viele seiner Schülerinnen und Schüler überspringen.
1972 eröffnet er sein neues Dojo in der Rue des Petits Hôtels und hat sofort Erfolg. Das bringt ihm Feindschaft und Neid ein, und bald gibt es Ärger mit den angeblich zuständigen Behörden. Man wirft ihm vor, ein sehr eigenes Aikido zu unterrichten, und der philosophische Gehalt seiner Kurse irritiert, weil er nicht mehr der offiziellen Linie des französischen Aikido-Verbands folgt, die das Bildungsministerium anerkennt.
1975 erreicht Masamichi Noro nach mühsamen Verhandlungen mit Verband und Behörden endlich, dass ihm und 29 seiner Lehrenden ein Diplom ausgestellt wird, das dem berühmten „Staatsdiplom“ entspricht, ohne das man in Frankreich nicht unterrichten darf.
Inzwischen hat er am eigenen Leib erfahren, was die Methode von Françoise Mézières bewirkt, eine besondere Form, den Körper über Physiotherapie wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Später lernt er Madame Ehrenfried kennen, eine Schülerin von Elsa Gindler, die noch jahrelang, fast bis zu ihrem Tod, im Institut Noro unterrichten wird. So verändern diese Methoden sein Aikido von Grund auf, im Üben wie im Lehren. Natürlich gibt diese Wendung Anlass zu allen möglichen Deutungen, bei Schülern wie bei Kollegen. 1979 macht Masamichi Noro Schluss mit dem Streit und lässt seine Lehre unter dem Namen Kinomichi eintragen.
Vom Aikido zur „Anti-Kampfkunst“
Am 21. März 1980 stellt Masamichi Noro seine Kunst in der Salle Pleyel vor, einem bekannten Pariser Konzertsaal. Der Saal ist voll, übervoll. Der Meister beginnt mit einem Abschied vom Aikido: Der erste Teil ist ein beeindruckendes Fest dieser Kunst auf höchstem Niveau und lässt keinen Zweifel an seinem Können. Ein voller Erfolg.
Der zweite Teil gehört dem eben geschaffenen Kinomichi, das er als Anti-Kampfkunst vorstellt. Das Publikum, überwiegend Aikido-Lehrende und -Übende, reagiert verhalten. Es ist etwas anderes, und viele sind, gelinde gesagt, überrascht. Es gibt Dehnungen, Streckungen, Kreise, Spiralen, Üben zu zweit ohne einen einzigen Wurf, Annäherung und Trennung, langsame Bewegungen, die plötzlich stehen bleiben wie ein Bild, genau bemessene Beschleunigungen. Das alles in einer fremden, fast unwirklichen Stimmung, sehr frei und sehr konzentriert zugleich. Viele Frauen, ein paar Kinder. Eine andere Welt. Dann nichts mehr, die Lichter gehen aus. Vorbei.
Die meisten bleiben sitzen und warten auf irgendetwas. Ein Raunen, dann hier und da begeisterter Applaus, den andere höflich aufnehmen. Am Ausgang herrscht Verwirrung, die Meinungen gehen auseinander: „Ich verstehe das nicht, das ist kein Aikido mehr, das ist nicht mehr Meister Noro!“ „Für wen hält er sich eigentlich?“ „Wenn Meister Ueshiba das sähe!“ „Vielleicht wäre er überrascht, aber womöglich hätte es ihm gefallen.“ „Die Kampfkunst ist zum Sport geworden, Noro hat recht.“ „Das ist doch kein Grund, aus Aikido einen Tanz zu machen.“ „Das ist kein Tanz, das ist ein neuer Ausdruck des Körpers.“ „Schon, aber dann sollte man sich nicht japanisch kleiden.“
Eine kleine ältere Frau sagt zum Schluss: „Ich hätte mich nie getraut, eine Kampfkunst zu üben, das ist mir zu gewalttätig. Aber ich glaube, jetzt versuche ich es.“ Zwei kräftige Männer gehen vorbei, hören das, lächeln, zucken leicht verärgert die Schultern und rufen: „Noro werden wir vermissen. Aber wir werden uns wohl einen anderen Meister suchen müssen, denn mit dieser Dame üben oder neben ihr auf dem Tatami sitzen, das sehe ich nicht!“
Noro zeigt sich nicht auf der Bühne. Er bleibt unsichtbar. Nach diesem kurzen Auftritt geht der Unterricht weiter. Einige alte Übende verschwinden, neue kommen dazu. Manche haben nie vom Aikido gehört, sie kommen wegen des Kinomichi.
1983 verlegt Noro das Dojo aus der Rue des Petits Hôtels in die Rue de Logelbach und gründet dort offiziell das Centre Masamichi Noro. Damit ist die Nabelschnur zum Aikido endgültig durchtrennt. Den Namen Kinomichi und das Wappen seiner Familie lässt er als Zeichen seiner Schule eintragen.
Das Kinomichi heute
Seit 1991 hat das Internationale Zentrum Noro-Kinomichi seinen Sitz im Dojo de la Fontaine am Boulevard de Strasbourg im 10. Pariser Arrondissement. Inzwischen ist es in mehreren Ländern Europas verankert und in vielen französischen Städten vertreten.
Heute üben dort mehrere Tausend Menschen, unterrichtet von Lehrenden, die Meister Noro im Internationalen Zentrum ausgebildet hat.
Aber was ist Kinomichi?
Sein Begründer sagt es so: „Michi ist eine andere, alte japanische Lesung des chinesischen Zeichens für Tao, für den Weg. Japanisch liest man dieses Zeichen Do, wie in Judo, Aikido, Kendo, alles rein japanische Wörter. Michi weitet diesen Begriff, verweist auf die taoistische Philosophie und macht ihn allgemein. Und Ki ist zugleich Schöpfungsprinzip, kosmische Energie und Lebensatem.
Das Wort Kinomichi lässt sich als „Atem des Tao“ oder „Weg des Ki“ übersetzen. Es meint den Kreislauf der Energie zwischen Himmel und Erde. Der Himmel gibt der Erde Energie, Ki auf Japanisch, Qi oder Chi auf Chinesisch. Die Erde nimmt sie auf und gibt sie dem Himmel zurück. Der Mensch steht dazwischen und ist der beste Vermittler für dieses Geben und Nehmen. Kinomichi will diese Energien über die Bewegung in Einklang bringen und so die Verbindung von Erde und Himmel erleichtern.
Das übt man in Haltungen, Stellungen, Bewegungen und Handlungen, die sich erst zu zweit ganz erfüllen. Die Berührung mit der Partnerin oder dem Partner ist das Wesentliche, deshalb steht sie im Mittelpunkt, und zwar ausgehend von der Öffnung. Weil die Erde uns trägt, können wir uns zum Himmel aufrichten und uns besser auf den anderen einlassen, in einem beweglichen Gleichgewicht. Diese Harmonie wird von selbst schöpferisch. Dann ist die Mitte überall.
„Kinomichi ist das Ergebnis einer persönlichen Geschichte und des Versuchs, eine Brücke zwischen Osten und Westen zu bauen. In Japan, wo die Moral regiert, hätte man diesen persönlichen Beitrag wohl als Teil der Tradition angenommen, denn zwischen dieser Lehre und dem Aikido besteht kein Widerspruch.“
„In Frankreich dagegen, wo das Recht regiert, war das viel schwerer zu akzeptieren. Also musste Kinomichi vom Aikido unterschieden werden. Für mich selbst aber war das Üben mit O Sensei Morihei Ueshiba eine tiefe Nahrung. Wie könnte ich vergessen, was und wer mich genährt hat? O Sensei ist da, heute mehr denn je, gerade weil mein Üben und mein Lehren so viel aus dem Westen und seinen Traditionen aufgenommen haben.“
„Wer die Kathedrale Notre-Dame in Paris betritt, hebt sofort den Blick nach oben, zum Himmel. Diese Kraft des Aufrichtens ist allen Menschen gemeinsam. Sie ist das universelle Ki. Ich sage gern, Kinomichi sei eine Utopie, weil es versucht, Gegensätze zu vermeiden.
Warum sollten wir Osten und Westen gegeneinanderstellen? Warum eine Tradition gegen die andere, eine Art zu unterrichten gegen die andere? Solche Gegensätze erzeugen Blockaden, energetisch, seelisch und körperlich, und vergrößern das Ungleichgewicht. Warum sollten wir das immer weiter wiederholen?
Kinomichi fördert den Austausch zwischen Erde und Himmel, zwischen Osten und Westen. Es will diesen Gegensatz kleiner machen und so das Gleichgewicht zurückgewinnen, also die Harmonie des universellen Friedens.“